„Crumbling Through Powdery Air“ ist der Titel von Otobong Nkangas aktueller Ausstellung im Frankfurter Portikus, die die nigerianische Künstlerin in Zusammenarbeit mit Studierenden der Städelschule realisiert hat. Die Ausstellung zeigt Resultate ihrer langanhaltenden Beschäftigung mit Phänomenen des Scheins und des Glanzes, die sie bereits in ihrer Arbeit „In Pursuit of Bling“ (2014) für die 8. Berlin Biennale begonnen hatte. Der Titel beschreibt verbindet sich ganz gut mit dem ersten Eindruck beim Betreten der Ausstellungshalle: Man kommt auf einem staubigen Bett von aufgeschüttetem Sand zu stehen, der sich über den Raum hinweg in alle Ecken verteilt und an den Rändern die Wände hochzukriechen scheint. Die ganze Ausstellung ist von einem mineralisch staubigen Glanz erfüllt, der schon deshalb irritiert, weil er zugleich abweisend wirkt und auf unmittelbare Weise affiziert, Eindrücke von Wüstenhaftigkeit hervorruft, aber auch auf Transzendenz verweist. Die Künstlerin hat für die Schüttung schwere Mineralsande verwendet, denen sie Kupfer und Vermiculit beigemischt hat, wodurch erst jene metallischen Glanzeffekte entstanden, die das ganze Raumsetting surreal erscheinen lassen.

 

Die Acrylzeichnung The Apparatus“ (2015) und die Skulpturengruppe „Solid Maneuvers“ (2015) bilden daneben das eigentliche Zentrum der Ausstellung. „The Apparatus“ zeigt ein abstraktes Liniengeflecht, das an mechanisch anmutenden, abgetrennten Gliedmaßen aufgehängt ist. Die Linien nehmen dort ihren Ausgang und führen zu mehreren kreisrunden, farbigen Löchern im Bildzentrum. Dieses Motiv wird von den Skulpturen in „Solid Maneuvers“ wieder aufgenommen. Sie bestehen aus mehrfach abgerundeten Schichtungen aus Metallen und Verbundstoffen, die auf kupfernen Stäben in der Mitte des Raums zu stehen kommen, mit Mineralien bestreut sind und an miniaturhafte Tagebaulöcher denken lassen. Im Vergleich zu diesen kann die Zeichnung als eine Skizze für deren vorläufige Anordnung im Raum gelesen werden. Die formalen Bezüge werden hier über die medialen Grenzen hinweg sichtbar gemacht. Auf dem Boden verteilt finden sich fünf in den Sand gelegte Scheiben aus Metall, die an Inseln oder kartographische Umrisse erinnern und die sowohl die Materialität des Sandbodens aufbrechen als auch die Formensprache der abstrakt gewordenen Skulpturen fortführen.

 

Es überrascht insgesamt, wie der in der Ausstellung präsentierte Werkzusammenhang durch die überspringende Materialität der Stoffe, durch deren Mischungen und räumliche Übergänge letztlich auch die medial geschiedenen Einzelwerke überformt und so die Arbeiten von Nkanga mit jenen der Studierenden der Städelschule verklammert. Die im Raum und an den Wänden verteilten Arbeiten schälen sich überhaupt erst nach und nach als individuell lesbare heraus. Das scheint bewusst forciert zu sein: Der physisch-materielle Rahmen und der deutlich affektiv geladene Materialkontext, der durch die gehäuften und geschütteten Substanzen hergestellt wird, erfüllt bei Nkanga auch die Funktion, unterschiedliche Autorschaften und heterogene mediale Dispositive zu integrieren.

 

Dabei treten die Metalle und Mineralerze, deren Auswahl noch durch verschiedene Salze sowie industriell erzeugte Stoffe wie Asphalt, Acryl oder Make-up ergänzt wird, nicht zufällig zusammen. Vielmehr bilden ihre physischen Oberflächeneffekte das Kriterium für den Einzug in die Ausstellung. Vermiculit etwa verweist schon in der lateinischen Namenswurzel auf seine Materialqualität: mica bedeutet „Brösel“, micare „glitzern“. Ein weiterer Aspekt ist ihre afrikanische Herkunft. Die Künstlerin hat Mineralerze verwendet, die in jenen stillgelegten Kupferminen der „Green Hills“ im Norden Namibias vorkamen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge kolonialer Besitznahmen von deutschen Siedlern ausgebeutet wurden.

 

In Frankfurt jedenfalls erschließt sich dieser Kontext zunächst nur indirekt. Die Ausstellung überwältigt vor allem durch eine präzise dirigierte Materialwirkung und durch die Produktion von Atmosphären. Um eine starke emotionale Struktur, die von den glänzenden Substanzen ausgeht, geht es schließlich auch – anders ließe sich der kulturellen Faszination für „Bling“ auch gar nicht beikommen. Es ist eine Qualität der im Portikus versammelten Arbeiten, dass sie sich nicht in einer Feier solcher affektiver Überformungen erschöpfen, dass die Materialien nicht „anonym“ bleiben, sondern die Reflektion über buchstäblich physische Bedingtheiten von kulturell konnotierten Schein- und Glanzphänomenen freisetzen. Nicht umsonst sind hier auch Acryl und Make-up ausgestellt. Und nicht umsonst evoziert die Künstlerin schon im Ausstellungstitel, worum es hier vor allem geht: „Crumbling Through Powdery Air“ verweist auf die berühmte Beschreibung des sogenannten „Tals der Asche“ in F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby, das ein Tal der Hoffnungslosigkeit, der Armut und der Ausbeutung von Ressourcen ist. Dessen Beschreibung dient im Roman nicht nur zur „glanzlosen“ Konterkarierung einer schillernden Welt des Reichtums von West Egg. Auch das „Tal der Asche“ glänzt, jedoch nicht vor Brillanten, sondern auf den Oberflächen funkelnder Kohlestücke, gehärteten Stahls und in den Lichtbrechungen des Aschedunstes. „This is a valley of ashes – a fantastic farm where ashes grow like wheat into ridges and hills and grotesque gardens where ashes take the forms of houses and chimneys and rising smoke and finally, with a transcendent effort, of men who move dimly and already crumbling through the powdery air.“ 1 Die kulturelle Produktion von Glanz und Schein trifft hier auf ihren materiellen Kern, sie findet in der physischen Ausbeutung von funkelnden Ressourcen ihren glanzlosen Grund. Interessant an Nkangas Beschäftigung mit dem „Bling“ der Dinge ist gerade auch, dass dieser nicht nur als ein kultureller Kontingenz- und Oberflächeneffekt aufgefasst wird, sondern eben auch als ein entschieden physischer. Er tritt zu den Dingen nicht sekundär hinzu, etwa durch symbolische oder sakrale Aufladung oder durch die Zuschreibung mit phantasmagorischen Eigenschaften. Der Glanz liegt in den Dingen selbst, im Material. Aber weil das so ist, geht es Nkanga gerade auch darum, das letztlich in ökonomische Zusammenhänge verwickelte materielle Hergestelltsein von Glanz und Schein auszustellen. Dass sich dabei wiederum Fragen nach Politik, Assoziationen zu post- und neokolonialen Machtstrukturen, zu Ausbeutungsverhältnissen sowie historischen und zukünftigen Ressourcenkämpfen einstellen, erscheint dann nur zwingend. Der funkelnde Zusammenhang der Mineralien und anderer Stoffe, der den Betrachter in Nkangas Ausstellung umgibt und der buchstäblich zu blenden vermag, deutet jedenfalls in diese Richtung. Der „Bling“ kulturell komplexer Glanz- und Scheinphänomene, seien dies nun Schminke, Pop oder iPhones, verschränkt sich hier mit einem physischen Materialkern. „Bling“ beutet nicht Oberflächen, Kontingenzen und Ephemeres aus, sondern Erde.

 

Otobong Nkanga, Crumbling Through Powdery Air, 2015. Courtesy Portikus, Frankfurt/Main.