Filmstill: Sebastian Mühl, Satellites, 2017.

 

Zlín. Das steht für Fabrik und Lebensraum, Arbeit und Familie, Profit und Menschlichkeit, Gemeinschaft und Individuum, für Errungenschaften und Verluste. Zlín ist der Name einer Fabrikstadt in der Tschechoslowakei, erbaut in den 1920er-Jahren. Es war damals, so schreibt es Regisseur Sebastian Mühl, eines der ambitioniertesten Projekte avantgardistischen Bauens. Bürgermeister dieser Stadt war Tomáš Bat’a, der mit seinem Unternehmen Bata-Industries einmal die Position als Weltmarktführer im Schuhproduktionsgeschäft erlangen sollte. Doch nicht nur die Schuhe verkauften sich gut, auch die Idee seiner Satellitenstadt, seines Zlín, lies sich hervorragend exportieren. In so einer Stadt war die Fabrik, nicht zuletzt geografisch, Dreh- und Angelpunkt des modernen Arbeiters – dem dort geborenen „Neuen Menschen“. Diese Urform des späteren globalkapitalistischen Denkens, Arbeitens und Bauens ging in Form der „Bata-Villes“ genannten Satellitenstädte um die Welt.

 

Mit „Satellites“ entsteht nun ein dokumentarischer Blick auf Vergangenheit und Gegenwart dieser profitorientierten Utopie. Das Publikum erhält Einblicke in fünf europäische Satellitenstädte, die unter dem Banner von Bata-Industries produzierten. Mühl zeigt die heutige Tristesse und präsentiert seine Bilder ausgesprochen nüchtern. Kamerabewegungen finden in seinen Aufnahmen nicht statt, der Film orientiert sich eher an einer Diashow als an einem konventionellen Dokumentarfi lm. Auch auf eine leitende Stimme im Off wurde verzichtet.

 

Still bleiben auch die wenigen Personen, die in den letzten Minuten des Films zu sehen sind und im Vergleich zur vorherigen Einsamkeit beinahe wie Fremdkörper, mehr noch aber wie von der Zeit vergessen wirken. Treu der Idee dieser (post-)sowjetischen Satellitenstädte sind sie eins mit ihrer Arbeit. Mühls Bilder nehmen sie als Teil des Ganzen, nicht als Individuen wahr.

 

Die störgeräuschartige, musikalische Untermalung umhüllt das Gezeigte mit einer ganz speziellen Atmosphäre, die in Kombination mit den Aufnahmen gar nichts anderes zulässt, als den Blick auf das Wesentliche zu lenken.

 

Ebenso wie sich die Maxime der Bata-Villes mit ihrer Funktionalität rühmt, macht es Mühl mit seinem Film. Formen, Symmetrien, Strukturen, Verfall, Rost und Einsamkeit sind die Narrative, die die einzelnen Schauplätze verbinden.

 

Betrachtet man „Satellites“ nun mit genauso nüchternem und fokussiertem Blick wie es Regie und Kamera mit ihren Motiven machen, so erhält man eine ebenso stringente wie fordernde Dokumentation über das vermeintlich letzte Kapitel einer ruhmreich begonnenen Utopie. Gerecht wird man dem Film mit solch einem einfachen Fazit nicht, erzählt er zwischen seinen Aufnahmen doch sehr wohl eine lebendige Geschichte –die Geschichte einer Idee, die ihre eigene Schöpfung überlebt hat.

 

Text: Christoph Hechler

 

 

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